Interview mit Seira Fischer, Erfinderin x-wash

Seira Fischer
Frau Fischer, woran arbeiten Sie gerade?

Als Erfinderin von x-wash und Person der ersten Stunde bin ich dabei, Partner für die Lizensierung und den Verkauf zu finden. Momentan führe ich Gespräche mit Unternehmen aus der Dekontaminations-, Chemie. und Pharmabranche

Wie ist das Projekt x-wash entstanden, wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Die Idee zur Waschstraße für Menschen entstand an einem heißen Sommertag, als ich durch eine Autowaschstraße gefahren bin und mir dachte: „Wäre das jetzt super, auszusteigen und selber durchzulaufen." Das war dann gleichzeitig auch der Beginn der Reinigungs- und Dekontaminationsanlage x-wash responsibility als Masterarbeit zum Thema „Design und Verantwortung“.

Wie ist der aktuelle Stand des Projekts – was muss noch geschehen, was ist schon geschehen in Hinblick auf die Realisierung?
Aktuell suchen wir einen Käufer, also ein Unternehmen oder ein Unternehmerteam, das x-wash entwickeln und vertreiben möchte.
Es wurde schon viel erreicht: Die internationalen Patente wurden in Europa, USA, Japan und China eingetragen. Die Nationalisierung in den europäischen Einzelländern zur Erteilung des Deutschen Patents sowie in Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien und Polen läuft.
Darüber hinaus stehen folgende Ergebnisse zur Verfügung: eine Marktrecherche und ein Businessplan, das Gestaltungskonzept und Visualisierungen, die Produktentwicklung in Form eines Technischen Grundkonzeptes der Fakultät für Produktionstechnik sowie die Markenentwicklung inklusive Corporate Identity, Präsentation und Pressearbeit.
Ein Prinzipienprototyp in Originalgröße hat gezeigt, dass die Durchfahrt durch die Anlage bei Menschen ein positives Gefühl erzeugt.
Und nicht nur wir sehen das Potential von x-wash: das Konzept wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie.

Was sind Ihre definierten Ziele und in welchem Zeitraum möchten Sie diese erreichen?
In diesem Jahr wollen wir einen Käufer finden, der das Konzept zur automatischen Personenreinigung entwickelt und es zeitnah auf den Markt bringt, damit weltweit Menschen das Leben gerettet werden kann. Die aktuelle politische Weltsituation zeigt täglich deutlich, wie wichtig schnelle, autarke und vor allem menschenwürdige Hilfe ist.

Das Konzept für x-wash steht zum Verkauf. Was erwarten Sie sich vom perfekten Unternehmen und was bekommt der Käufer im Gegenzug? 
Der perfekte Partner ist ein Unternehmen, das x-wash in seine Produktpalette aufnimmt und die Anlage entwickelt und vertreibt. Der Nutzen für den zukünftigen Käufer ist das große Potential in Bezug auf die Einsatzmöglichkeiten und den Markt.

Worin liegt der Vorteil von x-wash gegenüber bestehender Dekontaminationsanlagen?
Der Prozessablauf von x-wash ist automatisiert und optimiert, deshalb für traumatisierte Menschen angsthemmend: die medizinische Reinigung und Dekontamination erfolgt in kurzer Zeit mit minimaler Fehlerquote auf humane Art und Weise.
Besonders deutlich werden die Vorteile, wenn Sie sich anschauen, wie die manuelle Dekontamination - vereinfacht beschrieben - momentan abläuft: Mindestens zwei Mitarbeiter von einer militärischen oder zivilen Organisation bauen die Einrichtung in Schutzanzügen auf und nehmen sie in Betrieb. Das dauert durchschnittlich 20 bis 90 Minuten. Sie spritzen die kontaminierten Menschen mit großen Wasserschläuchen der Reihe nach ab. So werden zwischen 40 und 80 Menschen pro Stunde dekontaminiert - je nach Einrichtungs- und Kontaminationsart. Der Prozess dauert im Durchschnitt zwischen 3 und 18 Minuten, der Wasserverbrauch liegt bei bis zu 360 Liter pro Mensch!
Der Dekontaminationsprozess durch eine fremde Person im Schutzanzug ist für viele traumatisierte Menschen eine weitere erschreckende Erfahrung. Die Gestaltung der bestehenden Dekontaminationsaufbauten mit der Ampelfarbgebung (rot - „völlig verseucht“ bis grün - „ausreichend sauber“) trägt ebenfalls zur Abschreckung bei. Derartige Dekontaminationszelte sind nicht mehr zeitgemäß. x-wash bietet eine humane Alternative.

Welche Einsatzbereiche sind denkbar?
Es gibt drei große Einsatzszenarien: Zum einen internationale und nationale Notunterkünfte, um der Verbreitung von Krankheitserregern und Seuchen vorzubeugen, wie zum Beispiel die Ebola-Epidemie in Westafrika und Erstaufnahmelager für Geflüchtete in Europa. Zum anderen die Reinigung und Dekontamination der Bevölkerung im Unglücksfall an öffentlichen Orten, beispielsweise in Fukushima 2011 oder nach dem Hurrikan „Matthew“ 2016 in den USA und der Karibik. Als Drittes kommt die Dekontamination für Angestellte und für die Bevölkerung an Chemie- und Pharmastandorten in Deutschland, Europa und der Welt in Frage.

Wie schaffen Sie es, den Wasserverbrauch der Anlagen auf 25 Prozent zu reduzieren?

Die Wasserersparnis bezieht sich auf eine Zahl zum täglichen Duschen des Durchschnittsdeutschen: Hier werden laut Statistik 120 Liter Wasser verbraucht. Für x-wash benötigen wir nur 30 Liter pro Person, das entspricht einer Ersparnis von 75 Prozent. Durch den automatisierten Prozess und das intelligente Düsensystem erzielen wir zudem eine Dauer von nur 90 Sekunden.

Sie wollen Kosten von 80 Prozent einsparen – wie kann das funktionieren?
Die Kostenersparnis von 80 Prozent setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. An erster Stelle ist hier die Effizienz der Anlage zu nennen: Durch die Automatisierung dauert ein Reinigungsprozess nur 90 Sekunden, zudem kann die Anlage gleichzeitig von vier Personen genutzt werden. Somit können 200 Menschen pro Stunde gereinigt werden. Dass wir so gegenüber der manuellen Dekontamination eine deutliche Wasser- und Waschchemieersparnis erzielen, habe ich ja bereits angesprochen. Außerdem erreichen wir dadurch auch eine vergleichbar höhere Leistung, also im Umkehrschluss weniger Verletzte, Todesfälle und Folgeschäden.
Natürlich kommen noch weitere wichtige Faktoren hinzu: Die Automatisierung garantiert die fehlerfreie Anwendung ohne hohe Personalkosten. Außerdem deckt x-wash alle Anwendungsbereiche ab – von sanitären Einrichtungen über Arbeiternotduschen bis hin zur atomaren, biologischen und chemischen Reinigung. Sie brauchen nur eine Anlage für alle Bereiche und sparen dadurch Personal- und Investitionskosten.
Und die angesprochene Zeitersparnis durch Ablaufoptimierung ist insbesondere auch für die Industrie ein relevantes Thema: Wenn ein Arbeitnehmer pro Tag vor und nach der Schicht statt 25 Minuten nur 90 Sekunden Zeit braucht, um sauber zu sein, so kann er aus Sicht des Unternehmens täglich 47 Minuten länger arbeiten und Gewinn erzielen.

Die Anlage verfügt über einen geschlossenen Wasserkreislauf – was genau bedeutet das?

Unter geschlossenem Wasserkreislauf verstehen wir den unbedenklichen Umgang mit Wasser. Es gibt ein Zu- und ein Abwasserkonzept. So kann Wasser jeder Wassergüte zum Laufen der Anlage verwendet werden. Falls vor Ort keines vorhanden ist, wird es im Container mitgeliefert. Das verwendete Wasser wird aufgefangen - sickert also nicht mehr wir bisher ins Erdreich – dann aufbereitet und wiederverwendet oder aber bei schwerer Kontamination aufgefangen und entsorgt.
Die Anlage ist demnach völlig mobil und autonom und benötigt somit keine vorhandene Infrastruktur.

Warum eignen sich Luftfahrt- und Seefrachtcontainer besonders für ihr Vorhaben?
Im Katastrophenfall geht es um schnelle und direkte Hilfe. Der große Vorteil von Containern ist ihre Bekanntheit. Logistisch werden sie weltweit unkompliziert per LKW, Zug und Schifftransportiert.
x-wash responsibility ist in einem Luftfrachtcontainer integriert, der in einen 20 Fuß Seefrachtcontainer passt. Wenn es schnell gehen muss, kann x-wash in eine Transportmaschine der Bundeswehr oder des Technischen Hilfswerks geladen werden und vom Ankunftsflughafen per LKW, Zug oder Helikopter zum Zielort weiter transportiert werden.

Eine mobile Dekontaminationsanlage muss in erster Linie leicht transportierbar sowie auf- und abbaubar sein. Gleichzeitig muss sie absolute Dichtigkeit und geschlossene Luft- und Wassersysteme gewährleisten. Gibt es hierfür Lösungsansätze und wenn ja, wie sehen diese aus?
Das geringe Gewicht und die Form der Anlage garantieren den Transport als Luftfracht. So besteht das Gehäuse aus leichtem Aluminium und das Düsensystem ist beweglich in einer hohlen Schalung aus Kunststoff integriert. Der Innenausbau ist aus hygienischen Gründen fließend, kommt ohne Fugen aus und geht vom Boden in die Wände über. Die hohen Anforderungen an Transportierbarkeit und Hygiene werden auf diese Weise sicher gewährleistet.
 
Wie stellen Sie sich die Wasserzufuhr und -abfuhr beispielsweise in Wüstenregionen vor?
In Regionen ohne Wasserreserven wird das Wasser in einem separaten Container geliefert, wiederaufbereitet und abtransportiert. Wenn Wasser unzureichender Güte vorhanden ist, zum Beispiel aus einem entfernten Flusslauf, wird dieses aufbereitet, verwendet und später entsorgt.

Gibt es Lösungsansätze für die Dekontamination von Kindern, Gehbehinderten, Gegenständen oder Tieren oder ist hier die Dekontamination per Hand immer noch im Vorteil?
x-wash bietet eine optimale Lösung zur Dekontamination von Menschen jeden Alters: Kinder ab drei Jahren können die Anlage stehend benutzen; falls sie zu klein sind, kann man das Mittelteil einfach herausnehmen. Jüngere Kinder bleiben aus Sicherheitsgründen auf dem Arm eines Erwachsenen. Kranke oder gehbehinderte Menschen, die jedoch aufrecht stehen können, werden auf dem Förderband gefahren; wer nicht stehen kann, lässt sich sitzend oder liegend reinigen.
Für Gegenstände und Tiere sind bisher keine Produkte geplant. Es ist sinnvoll, auch hier eine automatisierte Reinigung vorzunehmen. Dies wären mögliche Produkterweiterungen für die Zukunft.

Haben Sie Gebiete, in denen Dekontaminationen vorgenommen wurden, bereits selber besucht?
Eine Dekontamination in der gängigen Praxis musste ich zum Glück noch nicht erleben. Ende 2014 reiste in die Sendai-Region in Japan und konnte mir ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung rund um Fukushima machen, wo immer noch Tausende Menschen in temporären Unterkünften leben. Die Gespräche mit den Bewohnern waren sehr eindrücklich für mich und haben mich erneut auf den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam gemacht. Bei weiteren Reisen sah ich die hygienischen Zustände u.a. in Slums in Dar Es Salaam in Tansania und Rio de Janeiro in Brasilien. Zwar herrscht dort kein Dekontaminationsbedarf, trotzdem zeigt sich die Notwendigkeit, zu handeln: Tausende von Menschen leben ohne fließendes Wasser, geschweige denn einer Kanalisation. Hier könnte x-wash präventiv die Verbreitung von Krankheitserregern und den Ausbruch von Epidemien verhindern.
 
Welche Dekon-Stufen herrschen in den geplanten Einsatzgebieten? Eignet sich x-wash für alle Stufen? 
Unter Dekontamination - kurz Dekon - versteht man die Reinigung von Personen oder Gegenständen von radioaktiven, biologischen oder chemischen Gefahrstoffen. In Deutschland sind die Feuerwehren dafür zuständig sowie im Unglücksfall die Werkfeuerwehren, das Technische Hilfswerk und das Militär. x-wash kann in allen bestehenden Dekon-Stufen, also I-V, eingesetzt werden, von allgemeiner Reinigung über Notdekontamination im Katastrophenfall und beim ABC-Einsatz. Je nach Stufe und Verunreinigung werden unterschiedliche Reinigungsgänge und -zusätze eingesetzt.

Sie sind Designerin – welche Verantwortung tragen „Produktdesigner“ bei einer Maschine wie x-wash?
Mein Beitrag als Designerin liegt darin, einen nachhaltigen Mehrwert zu schaffen. Schockiert sah ich im März 2011 die Bilder der Dekontaminationsprozesse in Fukushima, die um die Welt gingen. Diese gängige Praxis ist nicht mehr zeitgemäß. Ich wollte eine humane Alternative zu den bestehenden Dekontaminationsanlagen entwickeln und durch die Gestaltung traumatisierten Menschen ihre ersehnte Sicherheit, Stabilität und Humanität zurückgeben.
Wenn x-wash eingesetzt wird, liegt die Verantwortung darin, einen sicheren Ablauf zu garantieren und ethische und humane Ziele umzusetzen.

Was waren die Anforderungen an das Design der responsibility-Variante?
Gestalterisch war die Herausforderung, die beiden wichtige Anforderungen „angsthemmendes Design“ und „medizintechnische Funktionalität“ zu verbinden. Die Außenhülle des Luftfrachtcontainers ist deshalb aus leichtem Aluminium und gewährleistet die Lufttransportfähigkeit. Die Abtrennung zum Technikraum, die Eingangs- und Ausgangstore, Rampen und Fluchttüren sind ebenfalls aus Aluminium. Eine fließende Ausgestaltung des kompletten Innenlebens sorgt für medizinische Reinheit und eine angsthemmende Atmosphäre. Bei allen Schnittstellen vom Boden zur Wand und von der Wand zur Decke sind die Übergänge fließend. Amorphe Radien garantieren die Personensicherheit ohne Verletzungsgefahr. Die abgehängte Decke bietet indirekte Tageslichtbeleuchtung mit Warmlichtstrahlern. Die Technik ist versteckt und geräuscharm.

Was machen Sie, wenn Sie nicht für x-wash arbeiten?
Nun ja, als Unternehmerin habe ich nie ganz frei. Unterbewusst arbeitet das Gehirn auch in der Freizeit weiter. Neuen Input und Ausgleich finde ich auf Reisen, bei Konzerten und wenn ich Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringe.